Die St. Margaretha - Kirche in Reutti

Altar
Bildrechte: Nik Schölzel

Die St. Margaretha-Kirche ist eine ganz besonders schöne Kirche im sog. Ulmer Winkel. Wohl schon im 13. Jahrhundert wurde sie erbaut und der Heiligen Margaretha, einer der „Drei Heiligen Madln“ geweiht. Margaretha wurde Hilfe bei Wachstum und Fruchtbarkeit für Mensch und Natur zugeschrieben – für ein kleines Bauerndorf
wie Reutti es war, eine passende Heilige.
Auch heute noch lieben die Reuttier ihre Kirche sehr: Sie gehört der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Reutti und am Sonntag ist der Gottesdienst noch immer gut besucht. Aber auch unsere katholischen Brüder und Schwestern sind mit dieser Kirche eng verwachsen und feiern regelmäßig Vorabendmessen hier. So ist die Kirche noch immer das geistliche Zentrum des Dorfes und auch der Nachbardörfer Finningen, Jedelhausen und Werzlen, deren Evangelische zur Kirchengemeinde gehören.
Wir freuen uns, wenn auch Sie diese Kirche als Ort der Stille, des Gebets, der Andacht und der Betrachtung entdecken und nutzen wollen.
Nehmen Sie Platz oder gehen Sie ein wenig herum, entdecken Sie die Kunstwerke oder zünden Sie ein Licht für einen lieben Menschen an oder schreiben Sie ins Gäste- und Gebetsbuch.

Ein Rundgang durch die Kirche

Vieles hat sich über die Jahrhunderte in der Kirche verändert. Jede Zeit hat ihre Spuren hinterlassen.

Fresko Adolf Kleemann
Bildrechte: Nik Schölzel

Das Fresko von Adolf Kleemann

Wer die Kirche betritt, blickt meist zuerst auf das moderne Fresko von Adolf Kleemann aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Jesus als Weltenrichter und Prediger zugleich, umgeben von den Aposteln. Unten rechts die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, oben links in Bild und Wort das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld. In der Mitte über dem Bogen ein Vollkommenheitssymbol für Gott und daneben die Symbole der Evangelisten Matthäus (Engel).

Im Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld geht es um das Wort Gottes und wie es bei den Menschen ankommt. Das ist auch die Aufgabe jeder Predigt, so dass die Kanzel hier ihre biblische Begründung bekommen hat.
Auf der rechten Seite des Freskos geht es um die Umsetzung dieses Wortes: Verschiedene menschliche Charaktere und Berufsstände sind dazu dargestellt und der Barmherzige Samariter dient als Vorbild, Glaube und Leben zusammenzubringen.

Das Kirchenschiff – Blick in die Jahrhunderte

Die auffallend üppige, mit Früchten beladene Kanzel stammt aus der Barockzeit. Ebenso sind die Emporenbilder von Jesus und den Aposteln einer naiven barocken Malerei zuzurechnen.

Gedenktafel
Bildrechte: Nik Schölzel

Das 20. Jahrhundert tritt uns in den beiden Tafeln mit den Namen der Gefallenen entgegen. Die Trauer und das Leid von Angehörigen drückt das Schmerzensbild der Pietà zum 1. Weltkrieg anschaulich aus. Auf der Gedenktafel zum 2. Weltkrieg lässt sich bei genauem Hinsehen die Auferweckung des Jünglings in Nain entdecken.

Auf der gegenüber liegenden Wand finden wir ein spätgotisches Kruzifix, das vor einigen Jahrzehnten für die Kirche angeschafft wurde – wohl, weil den Evangelischen ein solches im Kirchenraum gefehlt hatte.

Osterbild
Bildrechte: Nik Schölzel

Daneben hängt ein barockes Osterbild, das in schöner Weise mit dem Kruzifix korrespondiert und uns darauf hinweist, dass Jesu Kreuzestod nicht das Ende seines Weges, sondern nur eine Durchgangsstation war – wenngleich eine für uns Menschen entscheidende! Der Auferstandene ist angetan mit dem roten Mantel eines Königs und hält in der Hand den Kreuzesstab mit Siegesfähnchen.

Jesus am Kreuz
Bildrechte: Nik Schölzel

Schließlich können wir noch sog. Apostelkreuze entdecken, 10 sind zu finden. Die Kreuze zeigen an, wo seinerzeit bei der Weihe der Bischof das Weihwasser an die Wand gespritzt hatte und so die Kirche vor dem Einfluss böser Mächte schützen wollte.

Der spätgotische Chorraum

Taufstein
Bildrechte: Nik Schölzel

Die Apostelkreuze führen uns nun in den Chorraum. Die meisten Gäste kommen, weil sie von dem bemerkenswerten Marienaltar gehört haben. Er ist das Prachtstück unserer Kirche. Doch bevor wir uns ihm zuwenden, wollen wir noch anderes entdecken.

Da ist zuerst der schlichte Taufstein. Er befindet sich genau in der Mitte unter dem Turm der Kirche, bzw. unter dem ersten Chorgewölbe. Mit seinen Verzierungen korrespondiert er mit dem Gehäuse des Flügelaltars.

Glaubensbekenntnis
Bildrechte: Nik Schölzel

Zum Sakrament der Taufe gehört das Bekenntnis des Glaubens. Wir finden es in der Form des Apostolischen Glaubensbekenntnisses in einer frühneuhochdeutschen Fassung als Wandfresko, beginnend rechts vom Altar an der Südwand. Mit einer Ausnahme ist es in zwölf Teile aufgeteilt und über jedem Teil ist eine schwer zu identifizierende Person abgebildet: Es sind die zwölf Apostel, die in der Entstehungslegende als Verfasser dieses Glaubensbekenntnis gelten und die jeweils für einen Teil „verantwortlich“ waren. (Heute weiß man, dass dieses Bekenntnis im 5. Jahrhundert entstand.)

Kluge und törichte Jungfrauen
Bildrechte: Nik Schölzel

Im vorderen Chorbogen entdecken wir noch die fünf klugen und die fünf törichten Jungfrauen (Matthäus 25,1-13). Sie stehen als Beispiel und Warnung für alle Christen, sich bereit zu halten für das Kommen des Herrn. Ähnlich einer Glocke halten die Törichten die leeren Öllampen nach unten, während bei den Klugen die Flamme brennt, wenn der himmlische Bräutigam kommt.

Sakramentshäuschen
Bildrechte: Nik Schölzel

Das Sakramentshäuschen

Dieses Kommen des Herrn wird im Hl. Abendmahl hier am Altar in einer geistlichen Weise gefeiert. Hier wird die „Gemeinschaft der Heiligen“, zu der alle Getauften gehören, sichtbar und spürbar. Im Sakramentshäuschen wurde in katholischer Zeit das Brot aufbewahrt, das nach katholischer Überzeugung Leib Christi auch nach Beendigung der Feier bleibt. Für Evangelische ist Christus nur während der Abendmahlsfeier „in, um und unter Brot und Wein“ (Martin Luther). Deshalb wurde das Sakramentshäuschen seit Einführung der Reformation in Reutti nicht mehr benutzt. Als Kunstwerk und Glaubenszeugnis hat es uns aber auch heute noch viel zu sagen. Die Figuren der Abendmahlsszene sind einfach, aber durchaus individuell gestaltet: In der Mitte Jesus, die Hostie in der Hand erhoben, vor ihm schlafend „der Jünger, den er liebte“ und neben ihm Petrus mit hoher Stirn und Locke. Herausragend aber ist die Darstellung des Judas: Er hat den Beutel als typisches Attribut (er war der „Finanzmann“ innerhalb der Jüngerschar) und wendet sich bereits ab von Jesus. Sein Bänkchen ist so schief, dass er fast abrutschen muss – er ist „auf die schiefe Bahn“ geraten. Sein Blick aber ist auf den gerichtet, der vor dem Altar steht – der Priester und Pfarrer, der sich vielleicht für ganz besonders fromm hält – und warnt ihn: In jedem Menschen steckt ein Judas verborgen! Bist du sicher, dass du deinen Herrn niemals verraten wirst?!

Altar außen links
Bildrechte: Nik Schölzel

Der Marienaltar

Die genaue Geschichte dieses Altars und die Diskussion über seinen Schöpfer lesen Sie am besten im historischen Kirchenführer, der ausliegt. Es spricht sehr viel dafür, dass der Altar aus der Werkstatt von Nikolaus Weckmann stammt und von Anfang an für die Reuttier Kirche bestimmt war und nicht etwa für einen Seitenaltar im Ulmer Münster. Wir wollen uns hier jedoch darauf beschränken, die Geschichte Mariens und ihres Sohnes zu entdecken. Auf der linken Flügelaußenseite sehen wir die Eltern von Maria: Joachim und Anna. Nach einer mittelalterlichen Legende durften Joachim und Anna wegen ihrer Kinderlosigkeit nicht im Tempel opfern, da diese als Strafe Gottes angesehen wurde. Joachim geht daraufhin in die Einsamkeit und bekommt eine Weissagung durch einen Engel, dass Anna doch noch ein Kind bekommen würde (hinten links).

Altar außen rechts
Bildrechte: Nik Schölzel

Auf der rechten Flügelaußenseite sehen wir dieses Kind: Maria ist geboren. In einer anrührenden Szene - wie in einem Bürgerhaus des frühen 16. Jahrhunderts - wird das Neugeborene von den Ammen gewaschen, die Wöchnerin im Bett versorgt und die Wiege bereitgehalten. Ähnlich seinem späteren Schwiegersohn Josef bleibt der deutlich gealterte Joachim „außen vor“: Er scheint das Geschehen dieser Geburt nur schwer fassen zu können und ist unterdessen ergraut.

Altar innen links
Bildrechte: Nik Schölzel

Lassen Sie sich nun die Altarflügel öffnen!

Auf der Innenseite des linken Flügels verkündigt der Engel der jungen Frau Maria, dass sie den Sohn Gottes empfangen werde. Maria ist als reiche Bürgerstochter dargestellt, die gerade zum Gebet in ihrer Hauskapelle kniet. Die Pantöffelchen sind ordentlich zur Seite gestellt, ein heiliges Buch liegt zum Lesen bereit, weitere Bücher sind griffbereit. Der Engel lüftet den Vorhang ein wenig, so, als wolle er das Geheimnis, mit dem Gott Maria umgibt, ein wenig offenbaren.

Altar innen rechts
Bildrechte: Nik Schölzel

Auf der rechten Flügelinnenseite geht es weiter: Jesus, das Kind Gottes und Mariens ist geboren! Maria und das Kind, dazu Ochs und Esel, die ihren Herrn kennen (vgl. Jesaja 1,3), bilden die Hauptszene. Das Auge wandert hoch zu Joseph, der, wie oft dargestellt, ein Öllämpchen in der Hand hält. Er hatte unten keinen Platz mehr und „schwebt“ nun über der Hauptszene. So verschafft der Künstler dem Gesamtbild eine weitere Bildebene. Im Hintergrund sind die Schafe zu erkennen, Hinweis auf die Hirtenszene aus Lukas 2. Von ihnen aus wandert das Auge zu zwei Hirten, die wiederum auf das Jesuskind deuten. So schließt sich der Kreis wieder beim Wesentlichen, beim neugeborenen Kind. Typisch für die Entstehungszeit ist, dass Maria bereits eine Anbetungshaltung gegenüber ihrem eigenen neugeborenen Kind einnimmt.

Der Tod Mariens
Bildrechte: Nik Schölzel
Jesus als Salvator mundi
Bildrechte: Nik Schölzel

Der Schrein nun enthält eine – für eine evangelische Kirche höchst bemerkenswerte Hauptszene: den Tod Mariens. Umgeben von den Aposteln, die sie beim Sterben begleitet haben, hat sie die Augen geschlossen. Die Apostel zeigen ihre Trauer und haben Gebets- und Liederbücher in der Hand. Petrus hinten links hebt die Hand zum Segen, der Lieblingsjünger hält eine Sterbekerze wohl zum Zeichen des ewigen Lebens nach dem Tod vor die Verstorbene.

Und tatsächlich: Über dem Schrein, auf der mittleren Fiale, finden wir Jesus als Salvator mundi, als Erlöser der Welt, der in seinem Arm die Seele seiner Mutter hält. Sehr augenfällig wird hier vom Künstler die Hoffnung auf das ewige Leben im Vertrauen auf die Erlösung durch Jesus Christus zum Ausdruck gebracht. Diese Darstellung einer Maria, die im Kreis ihrer Vertrauten und Freunde stirbt und deren Seele von Jesus im Himmel aufgenommen wird, spendet bis heute Evangelischen und Katholischen Trost, wenn in der Kirche der letzte Abschied von einem lieben Angehörigen genommen werden muss.

Der Altar selbst gehört zu den schönsten Kunstwerken aus der Ulmer Schule an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert. Gott sei Dank haben ihn die Reuttier durch die Jahrhunderte bewahren können.

Bilder und Texte aus dem Geistlichen Kirchenführer für die St. Margaretha - Kirche in Reutti

Herausgegeben von der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Reutti
Fotografie: Nik Schölzel
Texte: Pfarrer Stefan Reichenbacher

 

Der Kirchenführer liegt am Eingang der Kirche aus.