Ein kleiner Senfkornglaube genügt...

Was Glaube möglich macht - mit Gottes Hilfe
Bildrechte: Verlag Bergmoser + Höller

Liebe Gemeinde!

Heute habe ich Ihnen ein Bild mitgebracht.

Schauen wir es uns an:

Ein Baum steht da mitten im Wasser. Es ist das Meer – und der Baum ist im Meeresboden verwurzelt.

Seltsam… Wie kann das sein?

Ein neugieriger Pinguin schwimmt heran, um sich die Sache näher anzusehen.

Eine Schildkröte umkreist den Baum mit ruhigen Paddelbewegungen und prüft die Lage.

Ein Orka scheint geradezu auf die Bremse getreten zu sein, so sehr überrascht und irritiert ihn dieser Baum.

 

Was ist das für ein Baum?

Es ist ein Maulbeerbaum.

Und dieser Maulbeerbaum ist nicht zufällig an dieser Stelle im Meeresboden gewachsen – er wurde dort hingepflanzt – auf ein Wort hin, allein durch den Glauben eines Menschen!

 

Wie? Ist doch unmöglich.

Ja. Ist es.

Und dennoch sagt Jesus, dass auch ein kleiner Glaube solche Wunder vollbringen kann. Auch wer nur den Glauben in der Größe eines Senfkorns hat – also einen winzigen Glauben hat – kann bereits solche verrückten Wunder tun.

Sagt Jesus.

 

Ich lese aus dem Lukasevangelium im 17. Kapitel:

Die Apostel baten Jesus, den Herrn:
„Stärke unseren Glauben!“
Der Herr aber sagte:
„Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn,
könnt ihr diesem Maulbeerbaum befehlen:
´Zieh deine Wurzeln aus der Erde
und verpflanze dich ins Meer!´
und er wird euch gehorchen.“

Sollte das ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag von Jesus sein? Will Jesus die Jünger auf den Arm nehmen?

Oder ist es eine Ermahnung, um den Jüngern klar zu machen, wie winzig ihr Glaube ist, wenn sie noch nicht mal so einen Baum ins Meer verpflanzen können?

Das würde die Lutherübersetzung nahelegen, die an dieser Stelle lautet: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, dann sprächet ihr zu dem Maulbeerbaum… aber korrekter ist tatsächlich übersetzt:
„(Auch) wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr diesem Maulbeerbaum befehlen…

Nein. Es geht hier nicht um eine Ermahnung oder gar um ein Tadeln des Kleinglaubens der Jünger wie Luther wohl meinte.

Es geht um etwas viel Tieferes.
Es geht um eine Erfahrung der Apostel, die wir wahrscheinlich auch alle kennen: Dass wir unseren Glauben als nicht besonders stark, groß, bedeutsam empfinden. Es geht um die Erfahrung, dass wir eben nicht in der Lage sind, alle unsere Sorge auf Gott zu werfen wie es der Spruch des heutigen Sonntags rät und dass wir es eben nicht schaffen, uns ganz auf Gott zu verlassen wie es die Vögel unterm Himmel tun.

Wir wollen selbst aktiv sein.
Wir wollen selbst an unserem Wohlergehen mitwirken.
Wir wollen selbst unser Heil finden wie einst der Baron Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen konnte – angeblich.

Doch wenn´s um Glaubensdinge geht, klappt das nicht. Da können wir nichts selber machen.
Das haben schon die Reformatoren immer gepredigt: Der Glaube ist immer ein Geschenk Gottes. Und es ist seine Sache, den Glauben zu schenken oder auch nicht. Es ist seine Sache, uns das Gefühl zu geben, dass wir glauben können oder eben nicht.
Deshalb können wir genau genommen niemals sagen: Ich hab einen Glauben und der ist so und so groß und so und so stark.
Deshalb ist der Wunsch der Jünger nach einer Stärkung des Glaubens im Sinne einer Vergrößerung des Glaubens durch Jesus sinnlos und auch nicht nötig! Jesus drückt das vielleicht etwas drastisch aus mit seinem Samenkornvergleich und dem Maulbeerbaum, der durch die Luft ins Meer fliegt, aber vielleicht haben die Jünger das gerade durch die Übertreibung dann auch besser verstanden.

Jesus hätte auch ganz nüchtern sagen können: Nur Gott kann machen, dass euer Glaube groß ist. Aber er ist kein Trainer, der euch mit der Zeit zu Glaubensprofis machen will, so dass ihr über euren Glauben verfügen könnt wie ein Sportler über seine Kraft und seine Muskeln, sondern Gott schenkt euch den Glauben.

Dietrich Bonhoeffer schrieb 1943 aus dem Gefängnis heraus:  „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir sie brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“
Statt „Widerstandskraft“ könnten wir auch das Wort „Glaube“ einsetzen und sagen: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder (Not-)Lage so viel Glauben geben will, wie wir ihn brauchen. Aber er gibt ihn nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Gott kann machen, dass wir Dinge schaffen, die wir zuvor nicht für möglich gehalten hätten. Gott will uns das nötige Rüstzeug schenken, um mit Krisen in unserem Leben fertig zu werden: Glaube, Hoffnung, Kraft, Durchhaltevermögen, Liebe… Und wir können das, was Gott uns oder anderen Menschen da gibt, immer wieder entdecken. Es müssen nicht immer ganz große sichtbare Wunder sein, auch unscheinbarere Dinge, die aber bei genauem Hinsehen sehr wohl etwas Wunderbares und etwas Großes sein können:

Wenn z.B. eine Frau, die ihr Mann verloren hat und ganz in tiefer Trauer über diesen Verlust versunken war, irgendwann wieder ins Leben findet und auch wieder Schönes im Leben entdecken kann, dann ist das so ein Wunder, zu dem ihr Gott geholfen hat.
Oder wenn in besonderen Krisenzeiten Menschen über sich hinauswachsen und Dinge schaffen, die sie selbst nie für möglich gehalten hätten – dann hat Gott ihren Glauben ganz groß gemacht.
Denken wir an die ersten Christen im Römischen Reich, die für ihren Glauben gestorben sind, die Märtyrer, die nicht bereit waren, ihren Glauben zu verleugnen, obwohl sie dafür wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wurden.
Oder in neuerer Zeit Menschen wie Martin Luther King, die für Gerechtigkeit zwischen Schwarz und Weiß kämpften und eine so große Bewegung anführen konnten, die tatsächlich Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft bewirkt hat.
Oder an eine Mutter Theresa, die sich um die Armen und Kranken in Kalkutta in einer Weise gekümmert hat, dass sie andere angesteckt und ein riesiges Hilfswerk aufgebaut hat.

Auch in nichtchristlichen Zusammenhängen können wir beobachten, wie aus einer kleinen Idee, die ein paar wenige Menschen begeistert hat, eine große Sache wurde: Vor 50 Jahren beschlossen vier kanadische Männer, sich für die Natur und Umwelt einzusetzen. Ihre Idee wurde von immer mehr Menschen unterstützt – heute hat diese Organisation allein in Deutschland 630.000 Fördermitglieder und weltweit mehr als 3 Millionen. Die Organisation heißt Greenpeace. Sollte da nicht auch Gott seine Hand mit im Spiel gehabt haben, wenn Christen und Nichtchristen sich gemeinsam für seine Schöpfung einsetzen?

Der Vergleich des Glaubens mit einem Senfkorn, den Jesus da anstellt, ist also keineswegs ein Hohn oder eine Ermahnung Jesu, sondern ein Trost: Auch mit eurem kleinen Glauben könnt ihr große Dinge bewegen. Denn in euch und durch euch wirkt Gott selbst. Und seine Kraft und seine Möglichkeiten sind unermesslich:  Gott kann Berge versetzen und Täler erhöhen – so wird es bereits im Alten Testament geglaubt –, also kann Gott sehr wohl auch einen Maulbeerbaum sich ins Meer verpflanzen lassen, wenn er will – das ist ja dann eine Kleinigkeit für ihn…!

Für uns lese ich daraus die Erkenntnis: Nicht über den eigenen kleinen Glauben, nicht über die eigenen begrenzten Möglichkeiten nachdenken oder gar lamentieren, sondern einfach Gutes tun. Tun, was mir jetzt möglich ist, tun, was dran ist, tun, was meiner Überzeugung nach richtig und wichtig ist – auch mit einem Glauben, der mir nur klein und schwach zu sein scheint.

Für die Jünger war eine solche Erkenntnis damals schwierig: Sie hatten miterlebt, wie Jesus Kranke geheilt, Trauernde getröstet, Blinde sehend und Lahme gehend gemacht hatte. Sie hatten aber nicht verstanden, dass dies Zeichen dafür waren, dass die Menschen in Jesus den Heiland, den Messias, den Christus erkennen sollten. Denn die Jünger hatten Jesus quasi als Vorbild und Trainer angesehen, dem sie nun nacheifern wollten und merkten, dass sie dazu aber wohl niemals imstande sein würden.
Sie hatten dabei übersehen, dass Jesus all das nur aus einer immerwährenden tiefen und engen Verbindung mit Gott, den er Vater nannte, schaffen konnte. Deshalb lässt Jesus sie nun lernen, dass es allein auf diese Verbindung ankommt. Wer mit Gott verbunden ist, wer Gott in sein Leben hineinlässt, wer den Geist Gottes in sich wohnen lässt bei sich, der kann Gottes Werke tun, weil Gott selbst sie durch uns tut.

Wir sagen bei der Taufe, dass der Heilige Geist im Täufling Wohnung nehmen will. Wir sehen das Wasser der Taufe und glauben, dass sich der Geist Gottes an dieses Wasser bindet und von der Taufe an in uns wohnt. Dieser Geist nun macht es, dass wir glauben können und dieser Geist macht, dass wir Gutes tun können im Sinne Gottes durch die Kraft dieses Geistes.

Und wenn es Gott eines Tages gefallen sollte, dass ein Mensch tatsächlich mit seinem Senfkornglauben einen Baum sich auf den Meeresboden verpflanzen lassen kann – dann wird das so sein!
Die Meerestiere werden sich dann wundern wie diese drei – und vielleicht werden sie dann friedlich um diesen Baum herumschwimmen wie es Jesaja einst für das messianische Friedensreich verheißen hat: Der Wolf wird beim Lamm wohnen, die Kuh und die Bärin werden zusammen weiden und der Löwe wird Stroh fressen.
Aufs Meer übertragen werden dann vielleicht Orka, Pinguin und Schildkröte friedlich nebeneinander schwimmen und sich von Seegras und Algen ernähren.

Amen.