Gedanken zu Matthäus 11,28-30 anlässlich der Konfirmandenvorstellung in Reutti von Pfr. Stefan Reichenbacher

Wir haben schwierige Monate hinter uns. Ihr Konfis habt gesagt, es war nicht schön, die Freunde so lange nicht treffen zu dürfen. Und so viel Familie war auf Dauer ganz schön anstrengend… ich könnte mir vorstellen, dass eure Eltern das ganz ähnlich empfunden haben!

Aber so schwierig das war – da gab es noch ganz andere Probleme in den vergangenen Monaten: Es gab zum einen die tatsächlich Erkrankten. Es waren weit weniger als befürchtet, es waren größtenteils Menschen mit geschwächtem Immunsystem, aber manche unter den Covid 19 Erkrankten waren wirklich sehr schwer krank und mussten leiden. Und manche von denen, die schon andere schwere Vorerkrankungen hatten oder sehr alt waren, mussten sterben. Sicher war es auch mit ein Erfolg der Kontakt­beschränkungen, dass wir in Deutschland vergleichsweise glimpflich davon gekommen sind.

 

Dennoch mussten auch die leiden, die besonders geschützt werden sollten: Die Alten, die Schwachen, die Kranken. Eine 88 Jahre alte Frau litt darunter, keinen Besuch mehr zu bekommen. Sie sagte zu mir: Ich sterb nicht am Virus, ich sterb an der Einsamkeit.

Viele alte Menschen leben im Altenheim, viele davon sind dement. Die seelische Gesundheit dieser Heimbewohner ging rapide bergab, denn keiner machte mehr Spiele mit ihnen, keiner kam zum Singen oder zum Turnen. Das normale Personal kann nur die pflegerische Versorgung übernehmen und für Essen und Trinken bereitstellen. Alles andere, was das Leben im Heim lebenswert und abwechslungsreich macht, übernehmen in der Regel Ehrenamtliche. Viele Demente verstanden überhaupt nicht, warum ihre Angehörigen nun nicht mehr kommen. Sie fühlten sich ganz einfach vergessen und alleingelassen.

 

Mitten hinein in dieses Leid und diese Traurigkeit spricht Jesus in unserem Predigttext, der für heute vorgesehen ist:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

(Mt 11,38-30)

 

Mühselig und beladen sind viele Menschen – es gibt wahrscheinlich niemand, der nicht irgendein Päckchen zu tragen hat, ganz unabhängig von der Corona-Krise. Egal was es ist, Jesus ermuntert uns, sein Joch auf sich zu nehmen.

Doch was ist mit Joch gemeint und wieso ist das Joch Jesu leichter als andere Jöcher?

Hinter dem Begriff „Joch“ verbergen sich die Gebote Gottes für den Menschen. Wenn diese Gebote als Vorschriften gesehen werden, deren Übertretung Strafe bedeutet und im schlimmsten Fall Verdammnis in der Ewigkeit, dann wird dieses Joch schwer, fast untragbar schwer.

Jesus lädt deshalb ein, sein Joch auf sich zu nehmen und von ihm zu lernen: Damit meint er nicht, dass die Gebote für ihn oder uns nicht mehr gelten, sondern dass wir unsere Einstellung zu ihnen verändern – nach seinem Vorbild.

Wenn wir nämlich begreifen, dass diese Gebote unser Zusammenleben fördern und wir sie umso leichter befolgen, je mehr wir unseren Mitmenschen lieben, dann wird das Joch auf einmal leicht; dann leben wir sozusagen diese Gebote so wie Jesus sie gelebt hat. Dann werden auch wir friedliebende Menschen, die sich selber nicht sooo wichtig nehmen – die Bibel nennt das demütig. Und der Lohn dafür ist, dass wir dann einfach besser schlafen können und gelassener leben können, Ruhe finden.

 

Ich gebe zu, das sagt sich leichter als es umzusetzen. Manche Vor­schriften im Zusammenhang mit der Coronaviren-Abwehr, die kann ich ganz leicht umsetzen, weil ich den Sinn verstehe und weil ich weiß, dass ich meinen Mitmenschen damit wirklich schützen kann: Ich wasche mir noch häufiger als sonst die Hände. Ich halte Abstand. Ich nieße und huste in die Armbeuge. Diese Jöcher sind leicht für mich und ich tue sie gerne.

Schwer wird mir mein Joch, wenn ich mit Maske agieren muss: Ich empfinde sie als unangenehm, mich stört massiv, dass ich die Mimik meines Gegenübers nicht erkennen kann, dass ich überhaupt mein Gegenüber nur schlecht verstehe, dass ich schon x-mal vor einem Laden zurücklaufen musste, weil ich die Maske vergessen hatte… Offensichtlich fehlt mir da die Einsicht, dass auch das meinem Nächsten dienen soll und die Demut, solche Vorgaben ohne Widerspruch hinzu­nehmen…

 

Tja – es hängt also in vieler Hinsicht von einem selbst ab, ob man sein Joch als leicht oder schwer empfindet…

Wie gesagt: Jöcher gibt es viele – und alle haben da ihres zu tragen. Aber die Liebe zum Mitmenschen kann das Joch leichter machen, zumindest dann, wenn dieses Joch mit unserem Miteinander, mit unseren Beziehungen zu anderen Mitmenschen zu tun hat und wir versuchen, es mit Liebe zu tragen. Das zu erkennen und in dieser Liebe zu leben – dazu möchte Jesus uns motivieren. Er selbst hat es auf diese Weise geschafft, das, was er gelehrt hat, auch selbst vorzuleben. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum ihm so viele Menschen nachgefolgt sind und noch immer nachfolgen: Jesus war authentisch - anders als andere Lehrer seiner Zeit, z.B. manche Schriftgelehrte und Pharisäer, die zwar fromm geredet haben, aber nicht nach ihren eigenen Lehren gelebt haben.

Jesus hat die Liebe zum Mitmenschen gepredigt und gelebt – und deshalb konnte er überzeugen und sein eigenes Joch tatsächlich als leicht empfinden.

 

Ich wünsche Ihnen und euch, dass die Jöcher eures und Ihres Lebens mit der Zeit und durch die zunehmende Liebe leichter werden – auch mit Hilfe eures Glaubens an diesen Jesus von Nazareth.

 

Amen.

 

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