Gedanken zum 1. Sonntag nach Trinitatis 2020 von Pfr. Stefan Reichenbacher

Der Predigttext ist die Erzählung vom Miteinander der ersten Christen in der Urgemeinde in Jerusalem. Es ist sicher ein nicht ganz historisches Idealbild, das da gezeichnet wird – aber zugleich darf diese Beschreibung schon ein Vorbild für uns alle sein, dem wir versuchen sollen und können, nachzueifern.

Lesen Sie bitte Apostelgeschichte 4,32-37

Es ist ein Ideal, das hier beschrieben wird – in manchen vergangenen Zeiten wurde es belächelt und als unrealistischer, christlicher Kommunismus abgetan. Zugleich aber haben sich viele Christen dieses Ideal auch zum Vorbild genommen: Mönche und Nonnen leben nach diesem Ideal und verzichten auf Privateigentum.

Ein besonders überzeugendes Beispiel eines gemeinsamen Lebens nach den Regeln wie sie hier für die Urgemeinde beschrieben werden, finden wir in der Kommunität von Taizé. Dort leben die Brüder tatsächlich ohne Privateigentum und nehmen auch keine Spenden, kein Erbe ihrer Mitglieder oder Schenkungen an – sie leben allein von ihrer eigenen Arbeit. Auch die Jugendlichen, die dort hinfahren, finanzieren nur ihr eigenes Jugendtreffen selbst – für die Brüder bleibt da nichts übrig.

Wenn wir als Deutsche teilnehmen, zahlen wir allerdings den Höchsttarif, damit Jugendliche aus armen Ländern für wenig Geld oder gar kostenlos teilnehmen können. Immerhin ein kleiner, punktueller Versuch, dieses Ideal des gemeinschaftlichen Teilens von Besitz umzusetzen.

Im normalen Alltag ist das schwieriger. Als vor vielen Jahren die Stadtverwaltung Neu-Ulm nach dem Vorbild Ulms einführen wollte, dass Reichere für den Kindergartenplatz mehr zahlen müssen als Ärmere, gab es Proteste. Auch wir als Träger waren dagegen. Es passt einfach nicht zu unserer sonstigen Geschäftswelt, wenn hier plötzlich das Einkommen den Preis bestimmt, aber sonst in der Geschäftswelt nicht. Das Brot beim Bäcker oder das Benzin an der Tankstelle kostet ja auch für alle gleich viel.

Politisch haben natürlich der Sozialismus und der Kommunismus versucht, diese Gleichheit umzusetzen – und sind krachend gescheitert.

Warum? Weil diese Gleichschaltung der Menschen erzwungen war.

Sie funktioniert aber nur, wenn die Liebe zum Mitmenschen der Auslöser ist. Und die Liebe zum Mitmenschen – zu wirklich jedem Mitmenschen, auch zu dem, den ich eigentlich nicht mag – kann ich nur entwickeln, wenn ich mich als von Gott geliebt empfinde und glaube. Dann kann ich weiterdenken und sagen: Gott liebt mich – und ebenso alle anderen Menschen, auch die, mit denen ich nicht gut klar komme. Deshalb will ich das auch versuchen.

Wenn dieser religiöse Hintergrund aber fehlt – wie im Sozialismus und Kommunismus vergangener Tage - wird das Miteinander Teilen und Gleichmachen aller Menschen scheitern. Es gab zwar auch einmal einen sog. religiösen Sozialismus, aber der hat sich nicht durchsetzen können.

Um das Gleichmachen im positiven Sinn geht es in diesen Tagen bei den Demonstrationen zum Thema Black Lives Matter – Schwarze Leben zählen – gestern z.B. in Ulm.

Hier möchten die Teilnehmenden darauf hinweisen, dass auch bei uns noch viele Unterschiede zwischen Menschen gemacht werden aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer Einstellung, z.B. in sexueller Hinsicht oder auch nur aufgrund ihres Geschlechts.

Doch gerade die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass wir alle gleichermaßen verletzlich sind – sowohl was die Infektion durch das Virus anbelangt als auch im Hinblick auf die Nebenwirkungen der staatlichen Gegenmaßnahmen. Alle Menschen sind direkt oder indirekt betroffen.

Wie könnte hier Gütergemeinschaft aktuell gelebt werden?

Es gibt viele kleine und große Beispiele:

Viele Urlaubsreisen, Veranstaltungen oder Konzerte, die in den letzten Monaten gebucht waren, mussten nun ausfallen. Viele haben darum gekämpft, dass sie ihr Geld dafür wieder bekommen haben. Doch genau damit haben sie die Veranstalter, die Fluggesellschaften oder aber die Vermittler, wie z.B. Reisebüros in Existenznöte gebracht. Natürlich ist derjenige im Recht, der sein Geld zurückfordert – aber im Sinne von Apostelgeschichte 4 wäre es vielleicht, zu überlegen: Brauch ich dieses Geld wirklich oder kann ich darauf, zumindest teilweise, verzichten? Meinen geplanten Urlaub krieg ich auf diese Weise sowieso nicht zurück.

Auf der Kahlrückenalpe haben wir so viele Stornierungen, dass wir riesige Einnahmeverluste haben, die wir nicht ausgleichen können – die staatlichen Ausgleichszahlungen sind im Verhältnis nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zugleich aber ist der Staat dafür verantwortlich, dass die Schulen bereits fürs ganze kommende Schuljahr verboten hat, in ein Schullandheim zu gehen – fatal für die Kahle und andere Freizeitenheime oder Jugendherbergen und Grund für manche Schließung von Häusern.

Mit fallen aber auch schöne Beispiele des Miteinander Teilens ein. Vermieter verzichteten häufig auf einen Teil der Miete ihrer Pächtern und Mieter. Ihnen wurde bewusst, dass diese keinen Umsatz haben oder Mieter in Kurzarbeit sind und die normale Miete einfach momentan zu hoch ist für sie.

Erfreulich ist auch, dass wir für die Kahle erste Spenden bekommen haben, die uns helfen werden, sie am Leben zu erhalten.

Ebenso habe ich einige schöne Geschichten von Nachbarschaftshilfe gehört: Nachbarn, die nicht näher verwandt sind, kaufen ein und kümmern sich um die Senioren, die keine Kinder haben. Tatsächlich haben wir bei Zeit für Andere kaum Einsätze gehabt in der letzten Zeit, weil die Leute sich selbst organisieren konnten.

Ich bin zuversichtlich, dass wir noch weitere Beispiele von Solidarität und miteinander Teilen erleben werden, die Hoffnung machen und die gerade in der Krise beweisen, dass wir Christen eine starke Gemeinschaft sind, die zusammenhält.

Ich habe nur den Wunsch, dass wir alles miteinander betrachten. Die Infektionsgefahr und das gegenseitige sich Unterstützen; die Abstandsregelung und das gegenseitige Schenken von Nähe. Denn wir Menschen haben nicht nur einen Körper, der gesund erhalten werden soll, sondern auch eine Seele, die bestimmte Dinge wie Nähe, Körperkontakt oder leibhaftige Kommunikation braucht.

Amen.

 

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